Die Mauer

8. Klasse, das Thema „Schilderung“, im Deutschunterricht. Mein Aufsatz ist in einem Buch erschienen.
„Als ich mit den Vögeln zog“, herausgegeben von Jürgen Jankofsky und Siegfried Maaß.

Die Aufgabenstellung: Paul Gauguins „Garten im Schnee“

Paul Gauguin - Garten im Schnee

Paul Gauguin – Garten im Schnee

Die Mauer

 

 

Es hatte geschneit. Ich ging durch den Schnee. Ich wollte nicht mehr, konnte nicht mehr. Alles war so schlimm. Ich weiß nicht, warum ich hierher gekommen bin. Ich stehe gerne hier, schaue mir die schönen, schneebedeckten Zweige an. Vor mir eine Mauer. Schon lange steht sie einsam und allein da. Keiner kommt sie besuchen. Doch ab und zu bin ich da und leiste der Wand in ihrer Einsamkeit Gesellschaft. Warum bin ich eigentlich hier?

Ich wurde von jemandem sehr schwer verletzt. Ich kann das keinem sagen, nur den Vögeln, die ich manchmal auf der Mauer sitzen sehe. Doch heute ist niemand da. Keine Vögel, keine Tiere. Nur die Mauer ist da. Es kommt eine schwache Brise auf. Der Wind bläst mir durch die Haare. Auf dem Weg hierher habe ich geweint, viel geweint. Doch die erfrischende Brise trocknet die Tränen.

Ich schaue zu dem Haus, dessen Dach man hinter der Mauer sieht. Ich weiß, wessen Haus das ist. Ich will diese Person vergessen. Die wenigen Blätter rauschen leise. Ich setze mich auf die Bank, die hinter mir steht, eine dunkelgrüne Parkbank. Ich sitze einfach nur da, will vergessen.

Ich fange leise an zu erzählen. Würde mir jemand zuhören, könnte er denken, ich sei verrückt. Ich erzähle der Mauer alles. Sie sagt nichts dazu. Sie ist nicht böse wegen dem, was ich gemacht habe, nur ihr kann ich es erzählen. Wenn ich es meiner besten Freundin erzähle, weiß es morgen die ganze Klasse. Das Risiko möchte ich nicht eingehen.

Ich blicke in den Himmel. Er ist hellgrau, eine Farbe, wie meine Gefühle. Grau, leer.

Ich höre jemanden kommen, drehe mich um. In den Büschen raschelt etwas. Mir bleibt der Mund offen stehen, als ich ihn sehe. Warum traut er sich noch mal her Hat er nicht schon genug angerichtet? Und nun tritt er mir noch unter die Augen? Kann das sein? Er setzt sich neben mich. Ich mache meinen Mund wieder zu, frage, was er hier will. Er fängt an zu erzählen, schaut dabei die Mauer an. Er sagt, dass er auch sehr gerne auf dieser Bank sitzt. Das wusste ich nicht, dass die Mauer auch Vertraute von Ihm ist. Wir reden noch lange miteinander.

Als es langsam dunkel wird, gehen wir nach Hause. Es ist wieder alles in Ordnung. Ich bin so erleichtert. Waren diese ganzen Tränen denn nötig? Nein, aber wir haben etwas daraus gelernt, bestimmt.

Heute sind wir verheiratet. Ich denke gerne an die schreckliche, schwierige aber auch sehr schöne Zeit zurück. Die Jugend.

 

[Bildquelle: http://www.gemaelde-webkatalog.de/bilder/garten-im-schnee-2120.html]

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