Allein unter Wölfen

SIE war wie die anderen gewesen, hatte Freunde und Feinde, alles war gut, damals.

Irgendwann jedoch kam die Entscheidung.

Schon oft waren Tränen geflossen, meist wegen Nichtigkeiten…Streit mit den Eltern oder ein in ihren Augen unsinniges Verbot. Nichts Ernstes, nur Lappalien. Doch nun sollte die Entscheidung fallen. Die unvermeidliche Diskussion im Wohnzimmer mit den Eltern, schrecklich…SIE weinte, denn SIE wollte aufs Gymnasium. So schöne Dinge hatte SIE gehört: keine Hänseleien, harmonisches Zusammenleben mit anderen Schülern, sogar entschuldigt wurde sich, wenn man auf der Treppe angerempelt wurde. Das Paradies auf Erden, das Gymnasium. Doch trotz ihres Durchschnittes von 1,7 hatte SIE keine Empfehlung…wenig Konzentration, Spielen im Unterricht, vergessene Hausaufgaben, so etwas eben. Nach der tränenreichen Diskussion stand es fest: 3 Jahre länger Schule, dafür das Abitur und endlich mehr Anforderung. SIE war glücklich, denn unter Umständen würde SIE mit den alten Klassenkameraden zusammen sein, die auch die Schule wechseln wollten, denn das waren gute Freunde von ihr.

Die Sommerferien gingen vorbei…

Und dann kam der verdammte und verhasste erste Schultag. Ihre Lehrerin stand mit einem Schild auf dem Hof, „7A“ stand darauf. Ihre Klasse, SIE hatte vorher auf einer Liste nachgeschaut. Doch komischerweise war niemand da, den SIE kannte, 2 oder 3 Leute kannte SIE aus den Parallelklassen, doch das war alles.

Im Klassenraum saß SIE ganz vorne und da blieb SIE sitzen, auch in der Pause und half ihrer Lehrerin beim Namen-Lernen. Von diesem Moment an ging es bergab, die Chance mit den noch Unbekannten Klassenkameraden Kontakt aufzunehmen, hatte SIE nicht genutzt, SIE war und blieb allein, und das sollte für unzählige Wochen so bleiben.

Anders bei ihren ehemaligen Mitschülern, die alle nicht allein waren wie SIE. Unter ihnen blieb die Freundschaft erhalten, denn jeder hatte jemanden in seiner Klasse. In den lang ersehnten Pausen war SIE bei den Freunden. Sie standen alle in einem Kreis und SIE stand außerhalb, aber das Wichtigste: SIE war nicht allein, aber irgendwie doch. Man gab ihr zu spüren, dass SIE unerwünscht war und SIE beging den nächsten Fehler, SIE ließ von den Anderen ab. Immer öfter blieb SIE dem Kreis fern, stellte sich vor eine Mauer und starrte auf den Boden.

Die 20-Minuten Pausen kamen ihr vor wie eine Ewigkeit, die 45-Minuten Unterrichtsstunden waren nicht besser. SIE hatte keine Lust mehr, wollte nicht mehr. Die Hefter blieben leer! Aber SIE war intelligent und konnte das wenige Wissen, das SIE an sich herankommen ließ, wie ein Schwamm aufsaugen…ihre Noten blieben stabil, manche Fächer machten sogar Spaß, doch diese Zahl nahm stetig ab.

Französisch gehörte anfangs dazu, ein wahrhaftiges Lieblingsfach, es war das einzige, in dem SIE Kontakt zur Außenwelt hatte. Es lag nicht am Fach, sondern an der Tatsache, dass SIE neben Lucie saß. Lucie war nett und da das Zettelchen-Schreiben und die Langeweile im Unterricht vorherrschten, erhielt SIE irgendwann auch mal einen Zettel, nachdem SIE vorher schon unzählige weitergereicht hatte. SIE freundete sich ein wenig mit Lucie an, diese ging jedoch nach der 8. Klasse zurück auf die Realschule.

Im Klassenzimmer ging es, doch die Pausen wurden unerträglich. Oft wurde SIE angepöbelt, Gerüchte aus Kindertagen kamen ans Licht oder wurden absichtlich angeleuchtet: Katzenfutter essen, Wäscheklammern klauen und so weiter, SIE wurde nicht verschont.

Auch eine ehemalige Nachbarin war dabei. Sie kam sich elendig schlecht vor, als SIE angesprochen wurde, SIE kam sich richtig „verarscht“ vor. Die Nachbarin und deren Freundinnen beurteilten SIE nach ihrer Kleidung. Schwarze Hose und dunkelgrüne Jacke, die total alt und kaputt war, aber gemütlich und mit einer großen Kapuze, um sich zu verstecken.

Doch die Kapuze half nur selten, denn trotzdem wurde ihr mit komischen Verstümmelungen des Namens hinterher gerufen.

SIE und ihre Kapuze, Sonne wie Regen hatte SIE ihre Kapuze auf, Sommer wie Winter ebenfalls. So konnte SIE zumindest denken, dass doch nicht immer SIE gemeint war, wenn SIE an einer Gruppe vorbeiging und diese lachten. Aber diese grüne, schäbige Jacke war besser als die rosarote in der Sekundarschule, die ihr den Namen „Pinky“ eingebracht hatte. Schon dort war die Kapuze ihr Freund gewesen.

Die Tage kamen und gingen, bei den alten Schulfreunden, bei der Mauer, den Blick auf die Erde…doch dann fand SIE einen neuen Platz auf dem Schulhof, „hinten bei Raum 110“, sagte SIE, wenn SIE beschrieb, wo SIE stand…andere meinten „hinten bei den Mülltonnen, denn gleich und gleich gesellt sich gern“.

Und dort waren sie, zwei Freundinnen, die SIE noch aus der Grundschule kannte, Franka und Katja, Anna war auch mit dabei, aber mit ihr war SIE kaum befreundet, eher hat SIE Anna dumm gemacht. SIE war nicht besser als der Rest und ließ ihren Frust so an Schwächeren aus. Aber Franka und Katja, mit denen kam SIE gut klar, 2 Jahre jünger, aber zumindest jemand zum Reden und Erzählen.

Sie hatte den Namen „Grünling“, da SIE noch immer eine grüne, diesmal hellgrüne, Jacke trug. Katja war „Pilz“, weiße Jacke und rote Hose, und Anna war „Fetti“, sie war aber auch dementsprechend beleibt.

Jeder Tag war gleich: Schule, nach Hause, Hausaufgaben machen, wenn SIE Lust hatte, vielleicht zu Sophie fahren, einer Freundin, die ihr aus der 6. Klasse geblieben war, am Abend chatten, schlafen, aufstehen, …monotoner Alltagsmüll!

Genauso ging ein langes und elendiges Jahr vorbei. Die 8. Klasse kam und SIE veränderte sich.

SIE hatte sich mit Franka und Katja gestritten, die Situation in der Klasse war gleich geblieben. Die Noten wurden langsam schlechter, es gab Gedanken, auch auf die Realschule zu wechseln. Doch ob es dort besser war? SIE erfuhr es nicht, denn SIE blieb. SIE blieb und lernte, lernte allein zu recht zu kommen. Ihr war nicht bewusst, dass SIE lernte, doch SIE tat es. Und etwas half ihr ganz gewaltig dabei – die Musik. Zu Weihnachten, noch in der 7. Klasse hatte SIE einen MP3-Player geschenkt bekommen, doch SIE wusste nichts damit anzufangen, also blieb er im Schrank liegen.

Irgendwann, Mitte des Schuljahres kam er doch mal zum Vorschein, SIE spielte sich Musik drauf und hörte das Lachen der anderen beim Spießrutenlauf über den Schulhof nicht mehr. Es war zwar nicht grade Musik, die SIE mochte, aber SIE übertönte die Außenwelt, wenn man SIE laut genug drehte.

Zwei Welten – ihre und diese schreckliche da draußen – entstanden. SIE kam in ihrer zurecht und die böse, äußere interessierte SIE nicht mehr.

SIE änderte auch ihr Leben – SIE hörte auf, mit dem Bus zu fahren, denn auch beim Warten auf den Bus nach Hause war SIE nicht willkommen. „U-tüüt“ wurde SIE gerufen und mit Weintrauben beworfen – SIE war allein, schrecklich allein und lernte, die stillen Tränen zu schlucken. Mit dem Busfahren war Schluss, SIE fuhr nun mit dem Fahrrad. Doch auch da war man vor Anschlägen nicht sicher – oft hat SIE das Rad nach Hause geschoben, da irgendjemand ihr die Luft heruntergelassen hatte oder das Ventil fehlte – dann half auch eine mitgebrachte Luftpumpe nichts mehr. SIE stellte das Fahrrad einfach unweit der Schule ab, das Problem war damit gelöst.

Durchs Schulhaus lief SIE, ohne die anderen zu beachten. Das Leben in der Schule wurde erträglicher, das Leben allgemein wurde schöner.

SIE hatte diese Sache, diese Erfahrung gemeistert. Schmerzhaft, mit vielen Tränen, aber doch eine Erfahrung, die SIE SIE heute nicht missen will.

SIE war alleine, SIE hatte sich damit abgefunden und gelernt, damit zu leben – mit dem Alleinsein.

Die Musik, das Internet – SIE beide halfen, SIE fand einen Freund, der ihr Kraft gab.

Und SIE fand eine Freundin, ebenfalls eine Außenseiterin, die ihr Mitläuferdasein aufgegeben hat.

Das alles waren Gründe dafür, dass SIE die 7. und 8. Klasse überlebte, ohne Spuren ging es nicht, denn SIE hatte oft eine Klinge in der Hand gehalten, die rote und blutende Striche auf den Armen hinterließ.

SIE, das bin ich!

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